Nachhaltigkeit wirksam verankern: Erkenntnisse aus unserem Climate Drinks Event in Köln

Ecrit par Valentina ZAJACKOWSKI

Wie gelingt die Nachhaltige Transformation in Zeiten wachsender regulatorischer Anforderungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und zunehmender Widerstände gegenüber Nachhaltigkeitsthemen? Genau dieser Frage widmete sich unser Climate Drinks Event, zu dem wir am 23. September 2026 in Köln eingeladen hatten. 

Unter dem Motto „Kopf aus dem Sand: Nachhaltige Transformation vorantreiben“ brachte die Veranstaltung Nachhaltigkeitsverantwortliche aus Unternehmen unterschiedlichster Größen und Branchen zusammen. Für fachliche Impulse sorgten Thomas Brudermann, Psychologe und Nachhaltigkeitsforscher an der Universität Graz, der die psychologischen Hürden der Transformation beleuchtete, sowie Stephan König, Group Corporate Responsibility Officer der Deutschen Telekom, der aufzeigte, wie Nachhaltigkeit in einem internationalen Großkonzern erfolgreich verankert werden kann. 

Warum Wissen nicht gleich Wissen ist

Thomas Brudermann bei den Climate Drinks KölnDen Auftakt des Abends gestaltete Thomas Brudermann mit seiner Keynote „Kopfsache Klima – Verdrängung und Resignation konstruktiv begegnen“. Im Fokus standen dabei die „inneren“ psychologischen sowie die „äußeren“ gesellschaftlichen Mechanismen, die uns trotz besseren Wissens am Handeln hindern und so die Nachhaltige Transformation ausbremsen.

Dass solche äußeren Widerstände häufig von politischen oder wirtschaftlichen Akteuren ausgehen, die vom fossilen Status Quo profitieren, zeigte Brudermann am Beispiel von ExxonMobil: Bereits 1982 prognostizierten unternehmensinterne Klimamodelle die heutige Erderwärmung erstaunlich präzise. Gleichzeitig stellte der Ölkonzern die Verlässlichkeit solcher Modelle in späteren Jahren öffentlich infrage. 

Die oft daraus resultierenden individuellen Denkmuster spielten ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Mentale Faktoren wie Verwirrung, Verdrängung oder Resignation hielten demnach viele Menschen davon ab, die Tragweite der notwendigen Veränderungen anzuerkennen. 

Brudermann sprach in diesem Zusammenhang auch vom „Öko-Gewissen“. Viele Menschen konzentrierten sich auf vergleichsweise leicht umsetzbare (und dennoch wichtige) Klimaschutzmaßnahmen wie Recycling, die das Gefühl vermitteln, bereits einen ausreichenden Beitrag zu leisten. Wichtige Entscheidungen mit deutlich größerer Hebelwirkung, etwa im Unternehmensalltag oder beim eigenen Konsum- und Wahlverhalten, blieben hingegen oft ungenutzt, da sie tiefgreifendere Veränderungen von Gewohnheiten und Lebensstil erfordern. 

Mut machen statt lähmen

Statt Menschen mit reinen Fakten und Warnungen zu überfordern, plädiert Brudermann stattdessen für konstruktive Ansätze auf Augenhöhe, die Menschen in ihrer Lebensrealität abholen, konkrete Handlungsoptionen aufzeigen und vor allem das „Warum“ hinter der Transformation verständlich machen. 

Entscheidend sei dabei insbesondere das Zusammenspiel zwischen individueller Haltung und den passenden äußeren Rahmenbedingungen und Strukturen. Das in diesem Kontext zitierte Beispiel der Stadt Paris verdeutlicht dabei das Potenzial dieser Kombination: der konsequente Ausbau der Fahrradinfrastruktur trug dort innerhalb der Bevölkerung zu einer spürbaren Veränderung des Mobilitätsverhaltens bei (Stand 2024 überstieg die Zahl der Fahrradfahrten die der Autofahrten um nahezu das Dreifache). 

Trotz aller Herausforderungen gibt es also großen Anlass zur Hoffnung, denn vor allem innerhalb der EU unterstützt die Mehrheit der Bevölkerung das Klimaneutralitätsziel 2050 bereits. Nun gelte es, aus dieser Zustimmung gemeinschaftliche Erfolgserlebnisse zu machen und direkte Feedbackmechanismen zu schaffen. 

 

„Nicht noch ein weiterer Eimer“: Von der Theorie zur erfolgreichen Umsetzung am Beispiel der Deutschen Telekom 

Stephan König bei den Climate Drinks KölnIm anschließenden Vortrag berichtete Stephan König, wie Nachhaltigkeit in einem Konzern wie der Deutschen Telekom mit über 200.000 Mitarbeitenden verankert werden kann.

Entscheidend sei, Nachhaltigkeit mit dem konkreten Arbeitsalltag und einem klaren geschäftlichen Nutzen zu verbinden. König beschreibt dies mit der „Eimer-Theorie“: Führungskräfte hätten bereits mehrere „löchrige Eimer“ auf ihren Schreibtischen stehen, etwa in Form von Herausforderungen wie Umsatzdruck oder Kundenbindung. Nachhaltigkeit dürfe daher nicht als weiterer Eimer wahrgenommen werden, sondern müsse dazu beitragen, die Löcher in den bereits vorhandenen Eimern zu stopfen, also bestehende Probleme zu lösen und damit einen konkreten Mehrwert für das Unternehmen zu schaffen. 

Nachhaltigkeitsverantwortlichen riet König deshalb, weniger über den abstrakten ESG-Begriff zu sprechen und stattdessen konkrete Herausforderungen wie Lieferkettenrisiken, wirtschaftliche Sicherheit oder Vertrauen klar zu benennen und in den Fokus zu rücken. Denn Nachhaltigkeit sei letztlich nichts anderes als Zukunftssicherung. 

Dass sich wirtschaftlicher Erfolg und Klimaschutz nicht ausschließen, zeige auch die Entwicklung der Deutschen Telekom: Seit 2017 hat das Unternehmen seine Emissionen um rund 94 Prozent gesenkt. Zudem habe die Verankerung des Themas auf Vorstandsebene, die Sensibilisierung und Qualifizierung der Mitarbeitenden mithilfe der Climate School sowie die Ernennung von Ansprechpersonen in den einzelnen Geschäftsbereichen des Konzerns wesentlich dazu beigetragen, das Thema Nachhaltigkeit unternehmensweit zu etablieren und in wichtige Entscheidungen einzubinden. 

Ein weiterer Hebel sind Anreizsysteme. Bereits heute seien Energieeffizienz sowie Klimaziele innerhalb des Unternehmens in Teilen gehaltsrelevant. Künftig sollen auch Scope-3-Emissionen stärker in die Zielsysteme integriert werden. Für König ist klar: in einem Großkonzern muss Nachhaltigkeit Teil der zentralen Unternehmenssteuerung sein, um langfristig Wirkung zu entfalten. 

Austausch auf Augenhöhe: Was die Nachhaltigkeits-Community bewegt

Networking bei den Climate Drinks KölnMindestens ebenso wertvoll wie die Vorträge waren die Gespräche im Anschluss. Bei Drinks und Networking nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, ihre Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag zu teilen, Herausforderungen zu diskutieren und voneinander zu lernen.

Dabei wurde deutlich, welche Themen Nachhaltigkeitsverantwortliche derzeit besonders beschäftigen. Dies spiegelte sich auch in einer freiwilligen Posterumfrage wider, auf denen die Teilnehmenden im Laufe des Abends ihre Einschätzungen teilten: Ein großer Teil der Energie fließt demnach in regulatorische Anforderungen und Reporting, während gleichzeitig die Dekarbonisierung von Kerngeschäft und Lieferketten sowie die Einbindung von Mitarbeitenden als zentrale Herausforderungen genannt wurden.

Für einige Schmunzler sorgte zudem die Frage, was Kolleginnen und Kollegen außerhalb des Sustainability-Teams eigentlich denken, womit sich Nachhaltigkeitsverantwortliche den ganzen Tag beschäftigen. Die Bandbreite reichte von Baumpflanzung und Bienenzucht bis hin zur Vorstellung, dass sie schlicht „allen das Schnitzel vermiesen möchten“. Die Antworten machen deutlich, dass zwischen Wahrnehmung und tatsächlichem Aufgabenprofil oftmals noch große Lücken und Missverständnisse bestehen.

Passend zu den Impulsen des Abends zeigte sich auch beim Stichwort „ESG-Fatigue“ die Tendenz, dass Nachhaltigkeitsverantwortliche Desinformation und Hürden aktuell offen ansprechen, anstatt Nachhaltigkeitsthemen aus der Kommunikation auszuklammern.

Für uns als Apave Climate School bot dieser Abend einen wertvollen Einblick in die aktuelle Stimmung und die konkreten Bedürfnisse von Sustainability-Beauftragten in Unternehmen. Unsere Climate Drinks Events leben von genau diesem offenen Austausch, aus dem neue Perspektiven, wertvolle Kontakte und gemeinsame Lösungsansätze entstehen.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Teilnehmenden für die spannenden Beiträge und Gespräche und freuen uns schon auf das nächste Wiedersehen!